Sie war noch etwa zwanzig Minuten vom Flughafen entfernt, als ihr Telefon vibrierte. Eine Nachricht von Jochen. Sofort öffnete sie sie, während ihr Herz gegen ihre Rippen schlug. „Wir haben fünfzehntausend Euro angezahlt, also müssen wir die Wohnung schnell verkaufen, sonst verlieren wir die Anzahlung.

“
Annika hielt das Telefon fester. Jochen klang panisch. Vor zwanzig Jahren hatten sie gemeinsam in dieser kleinen Wohnung gelebt, geträumt, Pläne geschmiedet. Jetzt sollte genau diese Wohnung ihr Leben retten.
„Mindestens achthunderttausend, vielleicht sogar neunhunderttausend“, hatte Jochen vor ein paar Tagen am Telefon gesagt. Sie hatte seine Zuversicht gespürt, fast durch die Leitung. Sie hatte ihm geglaubt. Dann hatte der Gutachter gesagt: „Meine vorläufige Schätzung liegt bei zweihundertfünfzigtausend, maximal dreihunderttausend.
Und das ist optimistisch. “
Annika lehnte sich mit dem Rücken an die rauen Ziegel der Hauswand und zitterte. Dabei war es nur eine leichte Herbstkühle. Zweihundertfünfzigtausend.
Jochen hatte achthunderttausend gesagt. Eine Welt dazwischen. Sie rechnete fieberhaft. Selbst bei der niedrigen Schätzung würde die Wohnung fünfundzwanzigtausend Euro einbringen.
Und sie hatte zwanzigtausend auf ihrem Konto. Über Jahre mühsam gespart. Der Bankberater hatte ihr gesagt: „Mit Ihrem Gehalt und Ihrer Betriebszugehörigkeit könnten wir Ihnen sechzigtausend geben, vielleicht etwas mehr. “
Vielleicht.
Annika presste die Lippen zusammen. Selbst wenn sie alles zusammenzählte, käme sie auf höchstens hunderttausend. Es fehlten hundertfünfzigtausend. Ihre Mutter könnte helfen.
Aber die hatte nur ihre Rente, ein paar kleine Ersparnisse für Notfälle, kaum mehr als fünfundzwanzigtausend. Annika blickte auf ihr Telefon, auf die WhatsApp-Nachricht, auf Jochens Namen. Sie hasste sich für den Gedanken, der ihr durch den Kopf schoss. Aber die Zahl hundertfünfzigtausend stand wie ein Felsblock in ihrem Bewusstsein.
Sie rief den Gutachter erneut an. „Wir sehen alles im System“, sagte seine Mitarbeiterin und klickte mit der Maus. „Wir können Ihnen dreihunderttausend bewilligen. “
Dreihunderttausend.
Einen Moment lang schöpfte Annika Hoffnung. Aber der Gutachter schüttelte später den Kopf: „Der tatsächliche Wert liegt unter dreihunderttausend. Bei dieser Bewertung bleiben wir. “
Also dreihunderttausend Euro maximal.
Der Verkauf der Wohnung brachte ihr, wenn überhaupt, nur den unteren Bereich. Und sie brauchte weit mehr. Sie saß abends am Küchentisch und schrieb alle Zahlen auf einen Zettel. Wohnung: 300.
000 minus Renovierungskosten, minus Maklergebühren, minus offene Schulden. Es blieb nicht viel. Sie kratzte zusammen, was sie hatte. Zwanzigtausend Erspartes.
Sechzigtausend Kredit von der Bank. Fünfundzwanzigtausend von ihrer Mutter, wenn die einverstanden war. Insgesamt hundertfünftausend. Es fehlten immer noch hundertfünfunddreißig.
Jochen meldete sich wieder. „Wie sieht es aus? “, fragte er. „Schaffst du es?
“
Annika zögerte. „Ich brauche noch Geld“, sagte sie schließlich. „Kannst du mir fünfundzwanzigtausend leihen? “
Am Abend holte sie das Geld bei ihrer Mutter ab.
Die Frau übergab ihr einen Umschlag, ohne viele Fragen zu stellen. Annika spürte den Blick ihrer Mutter im Rücken, als sie ging. Jetzt hatte sie einhundertfünfzehntausend. Es fehlten hundertfünfunddreißigtausend.
Sie saß nachts wach und starrte an die Decke. Die Zahl wirbelte durch ihren Kopf. 135. 000.
135. 000. Sie schloss die Augen und sah sich selbst vor zwanzig Jahren, jung, unbeschwert, mit dem Mann, der jetzt ihre Rettung sein sollte. Dann traf sie sich mit einem Käufer.
Der Mann bot zweihundertdreißigtausend Euro. Annika verhandelte, aber ihre Stimme zitterte. Sie schaffte es, den Preis auf zweihundertfünfzigtausend zu heben. Aber auch das reichte nicht.
„Ohne falsche Angaben sind wir hier am Limit“, sagte der Käufer schließlich und lehnte sich zurück. Annika fuhr nach Hause, setzte sich auf das Sofa und starrte auf den Zettel mit den Zahlen. Sie brauchte eine Lösung. Aber es gab keine.
Da klingelte ihr Telefon. Jochen. Sie hob ab, und seine Stimme klang fast euphorisch: „Ich habe gute Neuigkeiten. Ein solventer Herr ist bereit, zweihundertdreißigtausend Euro zu zahlen.
Ohne zu falschen. “
Annika spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Das ist gut“, sagte sie langsam. „Aber ich brauche mehr.
“
Schweigen. Dann klickte es in ihrer Leitung. „Was meinst du damit? “
Am nächsten Tag saßen sie sich in ihrer Wohnung gegenüber.
Jochen hatte eine Mappe auf dem Tisch liegen. „Ich habe die Papiere auf den Kredit vorbereitet“, sagte er. „Zweihundertdreißigtausend Euro. “
Annika schüttelte den Kopf.
„Das reicht nicht. “
Er musterte sie verwirrt. „Ich dachte, wir wären uns einig. “
Sie holte tief Luft.
„Hör zu, Jochen. Ich habe nachgerechnet und ich brauche mehr. Viel mehr. “
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Wie viel? “
„Dreihunderttausend. “
Er lachte kurz auf, aber es klang nicht fröhlich. „Das ist unrealistisch.
Die Wohnung hat nicht diesen Wert. “
„Der Gutachter sagt dreihunderttausend“, entgegnete Annika, obwohl sie wusste, dass es eine Lüge war. „Der Gutachter hat gesagt, der Wert liegt bei zweihundertfünfzigtausend maximal“, sagte Jochen ruhig. „Ich war dabei.
“
Annika spürte, wie ihre Hände zitterten. „Dann müssen wir einen anderen Weg finden. “
„Es gibt keinen anderen Weg“, sagte er. „Wir haben die Anzahlung geleistet, wir müssen verkaufen.
Punkt. “
Sie schwiegen eine lange Weile. Dann beugte sich Jochen vor und öffnete die Mappe. „Ich habe noch etwas“, sagte er.
„Ich kenne einen Investor. Er ist bereit, den vollen Preis zu zahlen, wenn wir schnell sind. Aber wir müssen ihm eine Garantie geben. “
„Was für eine Garantie?
“
„Er will die Wohnung zur Sicherheit, bis der Kauf abgeschlossen ist“, sagte Jochen. „Und er erwartet, dass wir ihm die Differenz auf einem Treuhandkonto hinterlegen. “
Annika starrte ihn an. „Differenz?
Welche Differenz? “
„Die Differenz zwischen seinem Angebot und dem tatsächlichen Wert“, sagte er langsam. „Fünfundzwanzigtausend. “
„Das habe ich nicht.
“
„Dann wird er nicht kaufen“, antwortete Jochen. „Und wir verlieren die Anzahlung. “
Annika ballte die Fäuste unter dem Tisch. Sie brauchte Geld, dringend.
Und sie hatte nur eine Möglichkeit, es zu bekommen. „Ich spreche mit der Bank noch einmal“, sagte sie schließlich. „Vielleicht bekommen wir mehr. “
Jochen nickte, aber sein Blick war zweifelnd.
„Ich komme mit. “
Am nächsten Morgen standen sie gemeinsam in der Filiale. Der Berater sah die Unterlagen durch und schüttelte den Kopf. „Wir haben bereits das Maximum bewilligt.
Ich kann nichts weiter tun. “
„Aber ich brauche mehr“, sagte Annika. „Es geht um alles. “
Der Berater seufzte.
„Es gibt nur eine Möglichkeit“, sagte er und schob ein Formular über den Tisch. „Ein Privatkredit. Aber das ist ein Risiko. “
Annika nahm das Formular, ohne hinzusehen.
Sie hörte Jochen hinter sich schwer atmen. „Fünfundfünfzigtausend“, sagte sie, obwohl sie wusste, dass es zu viel war. „Und noch einen Kredit mit Fahrzeugsicherung. Fünfzehntausend.
“
Der Berater stutzte. „Das übersteigt Ihre Kapazität“, sagte er. „Ihre Verschuldungsgrenze ist erreicht. “
„Ich brauche es“, sagte Annika fest.
Schließlich unterschrieb sie. Ihre Hand zitterte, als sie den Stift setzte. Sie fühlte, wie sich etwas Bleiernes über ihr Leben legte. Als sie die Bank verließen, drehte Jochen sich zu ihr um.
„Was hast du getan? “, fragte er. „Du kannst dir diese Schulden nicht leisten. “
„Ich muss es“, sagte sie.
„Wir müssen es. “
Er starrte sie an, dann schüttelte er den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass du so weit gehst. “
Annika sagte nichts.
Sie sah nur die Zahlen vor sich: siebentausend, fünfzehntausend, fünfundfünfzigtausend. Und es reichte immer noch nicht. Zurück in der Wohnung setzte sie sich an den Tisch und legte die Kreditunterlagen neben den Zettel mit den Zahlen. Sie zählte alles zusammen: einhundertfünfzehntausend plus siebzigtausend – insgesamt einhundertfünfundachtzigtausend.
Es fehlten immer noch fünfzigtausend. Jochen rief an, aber sie ließ das Telefon klingeln. Sie konnte seine Stimme nicht mehr hören. Sie starrte auf die Mappe auf dem Tisch, die er dagelassen hatte.
Langsam öffnete sie sie. Darin lag nicht nur der Kaufvertrag. Darin lag auch ein Antrag, den Jochen unterschrieben hatte. Ein Kreditantrag auf siebzigtausend Euro.
Annika las ihn zweimal. Dann noch einmal. Ihr Name stand da nicht. Aber der Name, der da stand, gehörte zu der Wohnung, die sie vor zwanzig Jahren gemeinsam gekauft hatten.
Sie griff nach ihrem Telefon und tippte eine Nachricht an Jochen:
„Wir müssen reden. “
Die Antwort kam Minuten später: „Ich bin im Büro. Morgen. “
Sie saß die ganze Nacht auf dem Sofa und drehte das Telefon in den Händen.
Sie wusste, dass sie am Morgen eine Entscheidung treffen musste, die ihr ganzes Leben verändern würde. Sie wusste nur noch nicht, ob sie den Mut dazu haben würde.


