Mein Name ist Saskia Wegner, 33 Jahre alt, und ich habe vollkommen betrunken dem 55-jährigen Koch aus unserer Betriebskantine einen Heiratsantrag gemacht. Und er hat ja gesagt. Am nächsten Morgen war ich wieder nüchtern, aber da standen wir schon im Standesamt, und kurz darauf ließ mich der Generaldirektor in sein Büro rufen. „Wissen Sie eigentlich, wen Sie da geheiratet haben?

“, fragte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Ich lachte nur müde. „Gernot. Den Koch aus der Kantine.
Ich weiß schon. “
Er schüttelte den Kopf und schob mir einen dicken, vergilbten Ordner über den Tisch. „Dann lesen Sie das mal. “
In der Titan AG kannte man mich als eine Frau, die sich alles hart erarbeitet hatte.
Mit Mitte dreißig war ich Marketingdirektorin eines der größten Industrieunternehmen der Rhein-Neckar-Region, leitete ein Team von 30 Mitarbeitern, fuhr meinen eigenen Audi und wohnte in einer geräumigen Eigentumswohnung in einem Neubaukomplex, von dessen Balkon aus ich abends die Lichter von Mannheim funkeln sehen konnte. Doch sobald ich die Schwelle des Elternhauses in einem kleinen Dorf im Odenwald übertrat, verloren all meine Erfolge jede Bedeutung. Es zählte nur die eine Frage meiner Mutter Renate, die sie stets mit dieser unveränderlichen Schwermut in der Stimme stellte: „Na, Kind, wie sieht’s aus? “
Und dann kam immer der Satz, den ich auswendig kannte: „Du verstehst, der Name Krause darf nicht aussterben.
“
Ich war Saskia Wegner, aber im Herzen meiner Mutter sollte ich einen Krause heiraten, um den Familiennamen weiterzutragen. Mein Beruf, meine Wohnung, meine Unabhängigkeit – nichts davon hatte je gezählt. Nur das fehlende Ja zu einem Mann, der den Namen meiner Mutter trug. Mit 33 stand ich also vor den Trümmern meiner eigenen Entscheidung, nur hatte ich statt eines Krause einen Gernot Bachmann geheiratet – den Koch aus der Kantine.
Mein bester Freund Marco hatte mich gewarnt: „Saskia, ich bitte dich, trink nicht so viel auf der Betriebsfeier. Du tust sonst etwas, das du bereuen wirst. “
Ich hatte gelacht und weitergemacht. Und dann war ich mit Gernot am Tisch gelandet, hatte seine Hände genommen und ihm mit schwerer Zunge gesagt, dass er der beste Mann sei, den ich je getroffen habe, und ob er mich heiraten wolle.
Er hatte nur genickt, wie immer, wenn er nicht wusste, was er sagen sollte. Am nächsten Morgen stand er mit einem Strauß Gänseblümchen vor meiner Tür und sagte: „Das Standesamt um zehn, ich hab alles geregelt. “
Ich hätte absagen sollen. Aber der Wein und der Stolz und der Wunsch, es meiner Mutter zu zeigen, waren stärker.
Wir unterschrieben, ohne dass irgendjemand aus meiner Familie auch nur eine Ahnung hatte. Als mich der Generaldirektor dann zu sich rief, rechnete ich mit einer Standpauke wegen schlechter Publicity. Stattdessen schob er mir diesen Ordner über den Tisch. „Gernot Bachmann“, begann er, „ist nicht irgendwer.
Sie haben nicht nur einen Koch geheiratet, sondern den Alleinerben der Familie Bachmann. “
Ich blinzelte. „Das ist ein Witz, oder? “
„Gernot arbeitet seit 20 Jahren in unserer Kantine, weil er das so will“, fuhr er fort.
„Sein Bruder Lukas leitet den Konzern, aber der Anteil von Gernot liegt verdeckt in einem Trust. Das hier ist das Testament von Gernots verstorbener Frau. “
Ich blätterte die Seiten durch und stieß auf eine Zahl, die mich schwindelig machte: 20 Millionen Euro. Eigentum, Wertpapiere, ein Depotinhaber in Treuhand auf den Namen einer gewissen Saskia Wegner – nein, jetzt hieß ich ja Saskia Bachmann.
Und eine Lebensversicherung, die auf meinen Namen lief. „Das ist ein Irrtum“, flüsterte ich. „Ich habe ihn erst gestern kennen gelernt. “
„Der Vertrag wurde vor 20 Jahren geschlossen“, antwortete der Generaldirektor ruhig.
„Gernot hat all die Jahre auf einen Moment gewartet, in dem er jemanden findet, dem er sein Erbe anvertrauen kann. Sie sind jetzt diese Person. “
Ich saß da und starrte auf die Unterschrift unter dem Dokument. Neben dem Namen von Lukas Bachmann stand 20 Prozent Aktienanteil.
Im größten Rechteck aber, mit 30 Prozent, stand der Name Gernod Bachmann. Und dann war da noch die Bedingung, die Frieda, seine verstorbene Frau, festgelegt hatte: Das Erbe fällt nur dann vollständig an, wenn die neue Frau von Gernot innerhalb von zwölf Monaten ein Kind von ihm bekommt und dieses Kind den Namen Bachmann trägt. Mir wurde übel. Ich hatte einen Mann geheiratet, den ich nicht kannte, und nun sollte ich sein Kind austragen, um an ein Vermögen zu kommen, das ich nie gewollt hatte?
„Und wenn ich mich weigere? “, fragte ich. Der Generaldirektor lächelte trocken. „Dann fällt der gesamte Anteil an seinen Bruder Lukas, und Gernot bleibt bis ans Ende seines Lebens Koch in unserer Kantine.
Ein ruhiges Leben, aber ohne das Erbe, auf das seine Familie ihm seit 20 Jahren ein Recht zugesteht. “
Ich verließ das Büro mit leerem Kopf. Auf dem Flur traf ich Gernot, der mich mit diesem ruhigen, undurchschaubaren Blick ansah, den ich nach nur einer Ehe noch immer nicht deuten konnte. „Du wusstest das alles“, sagte ich leise.
„Ja. “
„Und du hast mir nichts gesagt? “
„Ich wollte dich nicht mit dem Erbe erschrecken“, antwortete er. „Ich wollte, dass du mich wirklich heiratest, wegen mir, nicht wegen dem Geld.
“
Ich lachte bitter auf. „Gernot, ich war betrunken. Ich wüsste nicht einmal, wie du wirklich heißt. “
„Gernod Bachmann“, sagte er ruhig.
„Mit d. So steht es auch im Testament. “
Am selben Abend fuhr ich zu meinen Eltern. Ich brauchte Abstand, ich brauchte einen klaren Kopf.
Aber kaum saß ich am Küchentisch, kam die übliche Frage meiner Mutter: „Na, Kind, wie sieht’s aus? Hast du schon einen Mann? Der Name Krause darf nicht aussterben. “
„Ich habe geheiratet“, sagte ich scharf.
„Aber nicht einen Krause. Einen Bachmann. “
Meine Mutter wurde blass. Mein Vater, der bisher geschwiegen hatte, ließ die Zeitung sinken.
„Das gibt es nicht“, flüsterte Renate. „Du kannst doch nicht einen dahergelaufenen Koch heiraten. Was sollen die Leute denken? “
Ich stand auf und warf die Worte hin, die ich 20 Jahre lang geschluckt hatte: „Wisst ihr, was ich den ganzen Tag arbeite?
Wisst ihr, wie viele Nächte ich durchgemacht habe, um dort zu stehen, wo ich heute stehe? Und für euch zählt nur, dass ich keinen Mann mit dem richtigen Namen nach Hause bringe. “
Meine Mutter begann zu weinen. Mein Vater schwieg weiter.
Doch dann sagte er langsam: „Du hättest einen Krause heiraten sollen, Saskia. Für deine Mutter. Für die Familie. “
Ich lachte und ging hinaus.
Draußen in der Dunkelheit vibrierte mein Handy. Auf dem Display leuchtete der Name meiner Mutter. Ich drückte weg. Am nächsten Tag fuhr ich zur Kanzlei, die das Testament verwaltete.
Ich wollte alles widerrufen und mich scheiden lassen. Der Anwalt, ein grauhaariger Mann mit Brillengläsern, sah mich über seine Brille hinweg an. „Das ist rechtlich möglich“, sagte er. „Aber es gibt eine Besonderheit.
“
„Welche? “
„Ihr Mann, Gernod Bachmann, hat gestern eine notariell beglaubigte Erklärung abgegeben: Sollten Sie sich scheiden lassen, erhalten Sie sofort 500. 000 Euro aus dem Erbe, ohne Verpflichtungen. Und das volle Erbe, falls Sie bleiben.
“
Ich starrte ihn an. „Warum sollte er das tun? “
„Er sagte, er wolle sicherstellen, dass Sie nie aus Pflicht bei ihm bleiben. “
Ich saß da und wusste nicht, ob ich wütend, gerührt oder einfach nur verwirrt sein sollte.
Dieser Mann, der mir seit einem Tag Ehemann war, hatte mehr Vertrauen in mich als meine eigene Familie. Doch dann zog der Anwalt noch einen anderen Ordner hervor. „Es gibt noch eine Sache, Frau Bachmann. Ihre leibliche Mutter hat vor einigen Jahren ein Testament hinterlegt, das Sie betreffen.
“
Ich blinzelte. „Meine Mutter? Renate Krause? “
„Nein“, sagte der Anwalt ruhig.
„Ihre leibliche Mutter. Eine Frau namens Hannelore Sommerfeld. Sie ist vor zwei Jahren verstorben. “
Ich hatte das Gefühl, der Boden unter mir würde weggezogen.
Meine Eltern hatten mir immer gesagt, ich sei ihr leibliches Kind. Nun stand ein Fremder in einem Anzug vor mir und erzählte mir, dass ich von einer Frau geboren worden war, deren Namen ich nie gehört hatte. „Das muss ein Missverständnis sein“, flüsterte ich. Der Anwalt schob mir ein Dokument über den Tisch.
„Ich habe eine Abschrift der Geburtsurkunde. Sie wurde als Saskia Sommerfeld geboren, dann adoptiert und umbenannt. Ihre leibliche Mutter war Hannelore Sommerfeld, eine wohlhabende Frau aus dieser Region. “
Ich las die Zeilen, und die Welt um mich herum drehte sich.
Alles, was ich über mein Leben wusste, war eine Lüge gewesen. „Was hat sie mir hinterlassen? “, fragte ich mit einem Kloß im Hals. Der Anwalt blätterte in den Unterlagen.
„Eigentum in Heidelberg, Wertpapiere, ein Depot über 500. 000 Euro. Der Gesamtwert liegt bei ungefähr 20 Millionen Euro. “
Ich lachte trocken.
„Wieder 20 Millionen. Jeder zweite Mensch scheint mir 20 Millionen vererben zu wollen. “
Der Anwalt musterte mich schweigend. „Komisch, dass Gernod Bachmann und Hannelore Sommerfeld sich kannten.
“
Ich riss den Kopf hoch. „Wie bitte? “
„Sie waren Geschäftspartner“, sagte er. „Gernod hat vor 20 Jahren den Aufbau ihres Unternehmens finanziert, als sie in Schwierigkeiten war.
Und in ihrem Testament ist eine Bedingung festgehalten, die der von Frieda ähnelt. “
Ich schluckte. „Welche Bedingung? “
„Sie bekommt das Erbe nur dann in vollem Umfang, wenn Sie innerhalb von zwölf Monaten nach Ihrer Hochzeit ein Kind zur Welt bringen, das den Namen Bachmann trägt.
“
Ich stand auf und stützte mich auf dem Tisch ab. „Und wenn ich das nicht tue? “
„Dann geht ihr Anteil an einen gemeinnützigen Verein, und Ihr Ehemann Gernod erhält die Hälfte des Erbes der Sommerfeld, wenn er nachweist, dass er Sie bei der Erfüllung der Bedingung unterstützt hat. “
Ich musste mich setzen.
Alles, was ich bisher für einen Zufall gehalten hatte – die Betriebsfeier, der Antrag, die Hochzeit –, begann sich plötzlich wie ein sorgfältig geplantes Spiel anzufühlen. „Hat Gernot gewusst, dass meine leibliche Mutter existiert? “, fragte ich. Der Anwalt zögerte.
„Ich bin an die Schweigepflicht gebunden, aber ich kann Ihnen sagen, dass Gernod Bachmann seit 20 Jahren die alleinige Adresse in Ihrem Adoptionsfall besaß. Er hat jedoch nie Kontakt aufgenommen. “
Ich verließ die Kanzlei mit einem Kopf, der brummte wie ein Bienenschwarm. Auf dem Parkplatz stand Gernot, als hätte er gewusst, dass ich hier sein würde.
„Ich habe gehört, dass du einen Termin hattest“, sagte er ruhig. „Du hast mich ins Spiel gebracht“, sagte ich und hielt die Geburtsurkunde hoch. „Du wusstest von meiner leiblichen Mutter. Du hast mich geheiratet, um an ihr Erbe zu kommen.
“
Gernot schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Saskia. Ich habe vor 20 Jahren ihre Schulden gestillt, weil sie mir in einer schweren Zeit beigestanden hat. Sie hat mir versprochen, dass eines Tages ihre Tochter in mein Leben treten würde.
Nur habe ich nicht gewusst, dass du es bist. Erst als ich deinen Namen auf dem Namensschild in der Firma sah, wusste ich, dass der Tag gekommen war. “
„Und du hast mich nicht gewarnt. “
„Ich wollte dich treffen wollen, nicht dein Geld“, sagte er.
„Ich wollte sehen, ob du wirklich die Frau bist, die sie beschrieben hat. Und in der Nacht auf der Feier, als du mir den Antrag gemacht hast, habe ich gesehen, dass du es bist. Genau wie sie. “
Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte.
Alles war zu viel: die Ehe, das Erbe, die Mutter, die ich nie gekannt hatte, und dieser Mann, der die ganze Zeit gewusst hatte, wer ich war. „Ich brauche Zeit“, sagte ich. Gernot nickte. „Nimm sie.
Aber denk daran, dass die zwölf Monate durch das Standesamt bereits zu laufen begonnen haben. “
Ich fuhr zurück in meine Wohnung und stand stundenlang auf dem Balkon, bis die Lichter von Mannheim anfingen zu funkeln. In diesem Moment klingelte das Telefon. Es war Lukas Bachmann, der Bruder von Gernot.
„Wir müssen reden“, sagte er mit eisiger Stimme. „Über das Erbe meines Bruders und über Ihre … besondere Situation. “
„Was wollen Sie?
“, fragte ich. „Ich will sicherstellen, dass Sie nicht die falschen Entscheidungen treffen“, antwortete er. „Treffen wir uns morgen im Büro, und ich erkläre Ihnen alles, was Gernot Ihnen verschwiegen hat. “
Als ich auflegte, spürte ich, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende war.
Gernot hatte mir die eine Seite erzählt. Sein Bruder wollte mir offenbar die andere erzählen. Und tief in mir zitterte die Frage, wem ich am Ende wirklich vertrauen konnte. Der Wert, den das Erbe ausmachte, war riesig.
Aber der Preis, den ich dafür zahlen musste, könnte am Ende viel höher sein.


